{"id":1779,"date":"2022-01-18T08:33:57","date_gmt":"2022-01-18T07:33:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.migration-macht-gesellschaft.de\/unwort-des-jahres-von-bernhard-inderst\/"},"modified":"2022-01-18T08:38:38","modified_gmt":"2022-01-18T07:38:38","slug":"unwort-des-jahres-von-bernhard-inderst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.migration-macht-gesellschaft.de\/tr\/unwort-des-jahres-von-bernhard-inderst\/","title":{"rendered":"Unwort des Jahres von Bernhard Inderst"},"content":{"rendered":"<h1>Unwort des Jahres<\/h1>\n<p>Bernhard Inderst 16.01.2022<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nun ist es raus. Das offizielle Unwort des Jahres 2021 ist das Wort \u201ePushback\u201c. Pushback als Bezeichnung f\u00fcr die \u201ePraxis von Europas Grenztruppen, Fl\u00fcchtende an der Grenze zur\u00fcckzuweisen und am Grenz\u00fcbertritt zu hindern\u201c, so der offizielle Wortlaut der Jury in der Pressemitteilung.*<\/p>\n<p>Was ist ein Unwort? \u00a0Das sind \u201eW\u00f6rter und Formulierungen in allen Feldern der \u00f6ffentlichen Kommunikation, die gegen sachliche Angemessenheit oder Humanit\u00e4t versto\u00dfen\u201c, wie in den Kriterien dazu erl\u00e4utert wird.<\/p>\n<p>Warum \u201ePushback\u201c ein Wort ist, das sachlich unangemessen ist oder gegen die Humanit\u00e4t verst\u00f6\u00dft und nicht nur ein sachliches Beschreibungswort f\u00fcr ein schlicht illegales Verhalten der Grenzpolizeien ist, kann man in der Erl\u00e4uterung dazu nachlesen:<\/p>\n<p>\u201eDie Jury kritisiert die Verwendung des Ausdrucks, weil mit ihm ein menschenfeindlicher Prozess <em>besch\u00f6nigt<\/em> wird, der den Menschen auf der Flucht die M\u00f6glichkeit nimmt, das Menschen- und Grundrecht auf Asyl wahrzunehmen. Den Fl\u00fcchtenden wird somit ein faires Asylverfahren vorenthalten. Der Einsatz des Fremdwortes tr\u00e4gt <em>zur Verschleierung des Versto\u00dfes gegen die Menschenrechte und das Grundrecht auf Asyl<\/em> bei. Mit dem Gebrauch des Ausdrucks werden zudem die Gewalt und Folgen wie Tod, die mit dem Akt des Zur\u00fcckdr\u00e4ngens von Migrant:innen verbunden sein k\u00f6nnen, verschwiegen. Die Jury kritisiert die in den Medien unreflektierte Nutzung dieses <em>Wortes auch bei Kritiker:innen der Ma\u00dfnahmen<\/em>.\u201d* Die Kursivstellung erfolgte von mir.<\/p>\n<h4>Unreflektierte Nutzung<\/h4>\n<p>Ich finde die Begr\u00fcndung bemerkenswert. Sie gibt uns zu denken auf. Denn wir, die Kritiker*innen, die wir sicher nicht dem Verdacht anh\u00e4ngen, hier etwas besch\u00f6nigen zu wollen, werden mit dem Vorwurf konfrontiert, dass auch wir das Wort unreflektiert verwenden und damit letztendlich zur Besch\u00f6nigung und sogar Verschleierung eines menschenfeindlichen Prozesses beitragen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Ich will das nicht zur\u00fcckweisen. Ich will vielmehr zu bedenken geben, dass wir vielleicht dem Glauben nachhingen, das Wort Pushback an sich beschreibt den Konsens eines Verst\u00e4ndnisses f\u00fcr die menschenverachtende Praxis. Richtig aber ist, dass das Wort nichts anderes als \u201ezur\u00fcckschieben, zur\u00fcckdr\u00e4ngen\u201c beinhaltet, so als sei alles ein Spiel, ein \u201egame\u201c, wie manche Gefl\u00fcchtete diese Praxis oft genug mit einem t\u00f6dlichen Galgenhumor selber bezeichnen.<\/p>\n<h4>Pushpacks und &#8220;Games&#8221;<\/h4>\n<p>Ein \u201egame\u201c ist es aber nicht. Trotz Zugangsverbot und Ausnahmezustand konnten uns die Bilder von Polen\/Belarus das eindeutig zeigen. Oft lagen die Menschen in ihrem eigenen Blut durch Wunden, die sie sich an den Stacheldr\u00e4hten zugezogen hatten. Wie viele Tote hat dieser Stacheldraht gekostet, obwohl auch hier nach den Prinzipen der Europ\u00e4ischen Menschenrechtscharta und der Genfer Fl\u00fcchtlingskonvention in Artikel 33 das Gebot der Nicht-Zur\u00fcckweisung,\u00a0das \u201eRefoulment\u201c Prinzip gilt? Kinder, Frauen, junge, alte M\u00e4nner, ganze Familien wurden wie Vieh behandelt, das man am Eintritt in ein anderes Land hindern wollte.<\/p>\n<p>Auch in Bosnien\/Herzegowina und Kroatien konnten wir selber diese \u201egames\u201c sehen. Es sind aber keine \u201egames\u201c. Gefl\u00fcchtete ertranken im Fluss beim Zur\u00fccktreiben aus den kroatischen W\u00e4ldern, traten auf Minen, die seit dem Bosnien Krieg dort immer noch liegen. Wenn sie es aber geschafft haben, wieder an ihren Ausgangspunkt zur\u00fcckzukommen, dann hatten sie meistens keine Schuhe mehr an, ihre F\u00fc\u00dfe waren kaputtgestochen von den Waldwegen. Ihre Kleidung haben sie bis auf die Unterw\u00e4sche ausziehen m\u00fcssen &#8211; im ankommenden Winter ein Akt der Grenzpolizei, der die Todesfolge bewusst mit einbezieht, und das ist kriminell!<\/p>\n<p>Bedr\u00fcckend auch die Bilder auf den Meeren, sei es im Mittelmeer von Nordafrika, Atlantik zu den Kanarischen Inseln oder wie k\u00fcrzlich im \u00c4rmelkanal zwischen Frankreich und Gro\u00dfbritannien. Pushback hei\u00dft f\u00fcr viele der sichere Tod. Oder die, die dann zur\u00fcckgekommen sind, z.B. nach Libyen, kommen in den Genuss eines m\u00f6rderischen Abkommens zwischen der EU und den Kriegsparteien dort und werden in Lagern eingepfercht, wo sie monatelang unter unmenschlichen Bedingungen dahinvegetieren m\u00fcssen. Das ist die Schande Europas.<\/p>\n<h4>Neureflektion dringend notwendig<\/h4>\n<p>Es ist richtig, uns in die Pflicht zu nehmen und das Wort Pushback neu zu reflektieren. Pushback verschleiert nach der Erl\u00e4uterung den Versto\u00df gegen die Menschenrechte und das Grundrecht auf Asyl. Und es verschleiert, dass viele Gefl\u00fcchtete dabei ums Leben kommen. Das Wort Pushback impliziert das alles nicht. Es klingt wie ein \u201eZur\u00fcckweisen\u201c heute, ok, dann komm ich eben morgen noch einmal und werde wieder zur\u00fcckgewiesen. Ein game halt. Die Realit\u00e4t der europ\u00e4ischen Grenzsystematik aber ist Rechtsbeugung, Inkaufnehmen des Todes der Zur\u00fcckgewiesenen, Unterst\u00fctzung menschenverachtender Regimes in Drittstaaten &#8211; sei es auf dem Weg der Zur\u00fcckweisung oder dann in den Lagern der Drittstaaten.<\/p>\n<p>Die Sprache bestimmt die Wahrnehmung. Ein Wort kann verharmlosen oder dramatisieren. Auf jeden Fall bestimmt es den Diskurs und damit die Meinungen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte an dieser Stelle alle bitten, uns Eure Gedanken dazu zu schicken (e-mail: ak49@mailbox.org). Wir haben die Pflicht, die Vorg\u00e4nge als das zu benennen, was sie sind. Wir haben die Pflicht, die Vorg\u00e4nge dann entsprechend zu bek\u00e4mpfen, damit sie beendet werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>*https:\/\/www.unwortdesjahres.net\/presse\/aktuelle-pressemitteilung\/<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unwort des Jahres Bernhard Inderst 16.01.2022 &nbsp; Nun ist es raus. Das offizielle Unwort des Jahres 2021 ist das Wort \u201ePushback\u201c. 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